Telemetrie beim Baumfalken zur Erforschung der afrikanischen Zugwege im Jahr 2008 und 2009
Einleitung
Obwohl bisher weit > 5.000 Baumfalken in verschiedenen Ländern Europas beringt wurden (darunter > 1.000 in Berlin-Brandenburg), liegen bisher nur zwei Ringfunde aus Afrika südlich der Sahara vor.
Im Rahmen einer Pilotstudie wurden daher erstmalig in Deutschland freilebende Baumfalken mit neu entwickelten Miniatursendern versehen, um die Zugwege der Art vor allem im afrikanischen Durchzugs- und Überwinterungsgebiet zu erforschen. Davon erhoffen wir uns Rückschlüsse auf die Faktoren, die für die gegenwärtige geringe Dichte des Baumfalken in Brandenburg und die Einstufung als "gefährdet" auf der Roten Liste der Brutvögel Deutschlands sein können. Die Untersuchungen wurden von AQUILA e.V., der Obersten Jagdbehörde des Landes Brandenburg und der World Working Group of Birds of Prey (WWGBP) Berlin finanziert.
Vorbereitungen
Die bekannten Brutreviere des Baumfalken in Berlin und Umland wurden in den Wintermonaten 2007/2008 aufgesucht, um das Vorhandensein geeigneter Nistmöglichkeiten (Krähen- und Rabennester) zu prüfen und ggf. durch Kunsthorste zu ergänzen. 3 Kunsthorste wurden am nördlichen Stadtrand von Berlin in Zusammenarbeit mit dem Energieversorger in Hochspannungsmasten angebracht, weitere von Paul Sömmer, André Hallau und Volker Hastädt in Baumhorsten verschiedener Kreise.
Abb.1 P. Sömmer: Drei nestjunge Baumfalken in einem Kunsthorst auf einer Pappel
Ab Mitte April erfolgten Besuche zur Bestätigung der Revierbesetzung durch die Falken, im Juli wurden die Horste erklettert, um die Jungen zu beringen und den Bruterfolg zu bestätigen. Nachkontrollen überprüften den Ausflugerfolg.
Die neuartigen Sender mit einem Gewicht von 5 g wurden vom Hersteller Microwave Inc., USA, persönlich nach Deutschland gebracht. Es wurden zwei Weibchen gefangen, von denen eines dauerhaft besendert wurde. Das andere Weibchen akzeptierte den Sender nicht und wurde nach der Beringung ohne Sender wieder freigelassen. Das im Kreis Oberhavel besenderte Weibchen verhielt sich nach der Freilassung völlig normal und behielt seine Wach- und Ausguckbäume bei.
Ergebnisse
Vorzeitiger Abzug des Weibchens und Ausscheiden aus dem Familienverband
Diese schon lange geäußerte Vermutung wurde durch die Besenderung bestätigt. Das Weibchen spielt in den ersten Wochen nach dem Ausfliegen eine wichtige Rolle bei der Revierverteidigung und beim Entgegennehmen und "Verteilen" der vom Männchen herangebrachten Vogelbeute. Mit zunehmender Fluggeschicklichkeit der Jungen erreichen diese jedoch bald das herankommende futtertragende Männchen noch vor dem Weibchen, so dass letzteres zunehmend in den Hintergrund tritt und bei früheren ausführlichen Beobachtungen nicht mehr zu entdecken war. Es blieb bei den Jungen, um dann Ende August abzuziehen. Das Männchen fütterte bis zum 18. September 2008 die Jungen im Brutrevier, am 22. September waren Männchen und Jungfalken abgezogen. Die Versorgung mit Kleinvogelnahrung, offenbar eine wichtige Voraussetzung für den im September beginnenden Langstreckenzug, wird durch das Männchen verlässlich gesichert, ebenso die Revierverteidigung.
Abb.2 K. D. Fiuczynski: Baumfalkenweibchen mit Sender
Der Zugweg des besenderten Weibchens
Die Zugroute München - Elba - Libyen entspricht den Erwartungen aus den bisherigen Ringfunden brandenburgischer Baumfalken. Überraschend ist der weitere Zug nach Nigeria, also ein Zug nach SW. Ob der Westanteil in der Zugrichtung aus einer großräumigen Verfolgung von Insektenschwärmen (z. B. Wanderheuschrecken) resultiert, lässt sich aus dem Einzelbefund noch nicht ableiten. Von dort aus hat das Baumfalkenweibchen die Zugrichtung gewechselt, um dann südwärts nach Angola zu ziehen. Das Weibchen hatte überwiegend im südlichen Angola überwintert, von dort aber auch einen Abstecher bis ins zentrale Simbabwe gemacht. Bis zum südlichsten Punkt der Route betrug die direkte Entfernung > 10.000 km.

Abb. 3 Zug des Baumfalkenweibchens von Brandenburg in das Winterquartier in Angola und Simbabwe (Zugkarte: B.-U. Meyburg)
Es konnten interessante Daten über die genutzten Habitate im Überwinterungsgebiet, die Größe des homerange im Winter und die Zuggeschwindigkeiten bei der Überwindung ökologischer Barrieren (z. B. der Sahara) usw. gewonnen werden. Als eine wichtige ökologische Barriere stellte sich der äquatoriale Regenwald Afrikas dar. Hier wurde auffällig schnell gezogen, teilweise auch nachts. Um bis zum nördlichen Rand des Regenwaldes zu gelangen, flog der Vogel auf dem Heimzug am 14.April 2009 nach Sonnenuntergang noch ca. 260 km weit und erreichte seinen Übernachtungsplatz schon außerhalb dieses Habitats erst gegen Mitternacht.
Am 16.5.2009 wurde der Vogel an seinem alten Brutplatz erneut beobachtet. Ein Männchen hatte sich bereits einige Zeit davor am Horst eingestellt.
Abschluss, Ausblick
Fang, Besenderung und Sendertechnik haben sich bewährt. Die Ergebnisse können wegen des singulären Befundes noch nicht verallgemeinert werden, geben aber zu berechtigten Erwartungen Anlass, mehr über die Zugwege der brandenburgischen Baumfalken in Afrika auf diesem Wege zu erfahren und damit die Risiken, die für den Bestandsrückgang im Brutgebiet verantwortlich sein könnten, zu erhellen.
