Erste Hilfe bei Greifvögeln und Eulen

Dr. Kerstin Müller (Klinik und Poliklinik für kleine Haustiere der FU Berlin; AG Greifvogelschutz Berlin & Bernau im NABU, Landesverband Berlin)
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Rainer Altenkamp (AG Greifvogelschutz Berlin & Bernau im NABU, Landesverband Berlin; AQUILA e.V.)
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Nicht selten werden verletzte Greifvögel und Eulen in der tierärztlichen Praxis vorgestellt, die durch eine vorherige unsachgemäße und/oder verzögerte tiermedizinische Behandlung nicht mehr ausgewildert werden können. Eine umgehende fachgerechte Behandlung ist für eine Wiederauswilderung immens wichtig. Bitte beachten Sie: Grundsätzlich besteht für alle wildlebenden Greifvögel und Eulen ein Inbesitznahme- und Aneignungsverbot. Verletzte Tiere dürfen nur aufgenommen werden, um sie an fachkundige Stellen weiterzuleiten.

Für Pflegestationen: Jeder ausgewachsene Greifvogel und jede Eule, die sich von Menschen greifen lässt, hat ein ernsthaftes gesundheitliches Problem, das sehr oft lebensbedrohlich ist. Diese Tiere gehören nicht zuerst in eine Pflegestation, sondern müssen immer und umgehend einem vogelkundigen Tierarzt vorgestellt werden. Bitte halten Sie das Tier nicht länger als unbedingt nötig, bis sie es einem vogelkundigen Tierarzt vorstellen. Jede Verzögerung gefährdet das Überleben des Pfleglings.

Für Tierärzte: Bitte setzen Sie sich umgehend mit einem Experten für Greifvögel und Eulen in Verbindung. In vielen Bundesländern sind ehrenamtliche Arbeitsgemeinschaften und Vereine aktiv, die an entsprechenden Daten sehr interessiert sind. Deren Mitglieder können:
a. die Art-, Alters- und Geschlechtsbestimmung des Pfleglings absichern
b. die Funddaten recherchieren
c. den Kontakt mit Stationen herstellen, welche die Rehabilitation nach der medizinischen Versorgung sicherstellen
d. oft wertvolle Hinweise zu Art und Ursache der Verletzungen geben

Bei Hinweisen auf illegale Verfolgung (abgeschlagene Gliedmaßen, Schussverletzungen usw.), setzen Sie sich bitte umgehend mit den zuständigen Behörden (Jagd- und/oder Naturschutzbehörde) oder den o. g. Arbeitsgemeinschaften in Verbindung, die den Kontakt zu den jeweiligen Behörden herstellen. Es handelt sich dabei um Straftatbestände, eine Anzeige ist Pflicht!

Im folgenden wird in kurzer Form dargestellt, wie bei der Erstversorgung eines Pfleglings vorgegangen werden sollte.

  1. Auf standardisierten Protokollen sind so genau wie möglich alle Funddaten aufzunehmen (Funddatum, genaue Ortsbeschreibung, Fundumstände, Adresse und Telefonnummer des Finders).
  2. Die verletzten Vögel werden mit Hilfe eines Handtuchs, Handschuhen oder einer Jacke (etc.) vorsichtig eingefangen. Dabei muss sich die einfangende Person vor Verletzungen schützen. Bei allen Greifvögeln sollten die Fänge, bei Falken zusätzlich der Kopf fixiert werden (Abb. 1).
  3. Der Anblick eines Menschen in unmittelbarer Nähe ist für Wildvögel mit erheblichem Stress verbunden. Als Transportbehältnis eignen sich daher Kartons (Abb. 2), geschlossene Holzkisten und geschlossene Transportkisten aus Plastik (Keine Vogelkäfige verwenden!). Diese sollten so hoch sein, dass die Vögel aufrecht stehen können. Sie dürfen aber nicht zu groß sein, damit die Tiere sich nicht verletzen. Durch den abgedunkelten Transport verhalten sich die Patienten ruhiger. Die Unterlage sollte trocken, rutschfest und nicht staubend sein (Teppich, alte Handtücher, Stroh). Belüftungslöcher sollten ausschließlich im unteren Teil der Transportkiste angebracht und nicht zu groß sein. Kolkraben und Wanderfalken dürfen nicht über längere Zeit in einem Karton transportiert werden, da sie diesen zerstören können.
  4. Unverletzte junge Greifvögel und Eulen gehören nicht in menschliche Hände. Junge Greifvögel müssen sobald als möglich in oder an den elterlichen Horst oder an einen Horst der gleichen Art mit gleichaltrigen Jungen verbracht werden. Junge unverletzte Eulen (Abb. 3 und 4) sind am Fundort auf einen Baum zurückzusetzen. Eine künstliche Aufzucht von Greifvögeln und Eulen muss unter allen Umständen verhindert werden, um eine Fehlprägung zu vermeiden und ein artgerechtes Aufwachsen zu sichern.
  5. Wichtigste Maßnahme bei verletzten Vögeln ist, neben einer vorläufigen Stabilisierung, ein schneller und schonender Transport zu einem vogelkundigen Tierarzt. Nicht immer befinden sich diese Tierärzte in unmittelbarer Nähe. Über ein Netzwerk an Helfern ist der Transport zu einem entsprechenden Arzt jedoch organisierbar (siehe Telefonnummern im Anhang). Falls der Transport zu einem Tierarzt nicht umgehend möglich sein sollte, ist wie folgt vorzugehen:
    1. Zur Beurteilung des Ernährungszustandes sollte jedes aufgefundene Tier gewogen werden. Falls dies nicht möglich ist, kann das Abtasten des Brustkiels zur groben Orientierung dienen. Ragt der Kiel deutlich aus der Brustmuskulatur heraus, ist der Ernährungszustand schlecht (Abb. 5).
    2. Bei einem Vogel mit Fraktur sollte die entsprechende Gliedmaße möglichst ruhiggestellt werden. Je geringer die Traumatisierung des Weichteilgewebes ausfällt, desto besser ist die Prognose hinsichtlich einer Wiederauswilderung. Eine Fixierung kann bei Frakturen der Schwingen mit Hilfe eines Figur-8-Verband oder eines federschonenden Klebebandes erfolgen, welches die Schwinge nur am Körper fixiert. Solche Verbände müssen fachgerecht angebracht werden und dürfen nicht zu fest sein, da sie die Atmung der Vögel behindern können. Ebenso sollte darauf geachtet werden, dass die Tiere mit dem Verband stehen können. Niemals dürfen beide Schwingen eingebunden werden (Abb. 6 A – D). Bei offenen Frakturen sollten die freiliegenden Frakturenden möglichst mit einer sterilen Wundauflage versehen werden, damit sie nicht eintrocknen. Wundsalben sind nicht zu verwenden, da sie das Gefieder verkleben und sollten nur Ausnahmesituationen vorbehalten sein, um ein Eintrocknen der Frakturenden zu verhindern.
    3. Hochgradig abgemagerte Vögel sollten nicht sofort gestopft werden, da es sonst zu einer Verstopfung des Kropfes und des Magen-Darm-Traktes kommen kann. Infolgedessen kommt es häufig zum Tod der Tiere. Bei stark abgemagerten Vögeln sollte als erste Maßnahme Flüssigkeit appliziert werden. Wenn keine Möglichkeit einer subkutanen Injektion durch einen Tierarzt besteht, kann die Flüssigkeit auch vorsichtig über den Schnabel zugeführt werden (mgl. per Sonde), wobei diese Art der Rehydrierung nicht sehr effektiv ist. Bei stark geschwächten Tieren kann es durch diese Methode außerdem zum Aspirieren von Flüssigkeit in die Luftröhre kommen, daher Vorsicht.
    4. Wenn stark abgemagerten Tieren nach Rehydrierung Nahrung zugeführt wird, sollte dies nur in kleinen Portionen von kleingeschnittenem Futter oder Futterbrei erfolgen. Vor jeder erneuten Gabe ist zu prüfen, ob sich der Kropf entleert hat. Erst bei entleertem Kropf sollten weitere Portionen verabreicht werden (Siehe c).

Eine fachgerechte tiermedizinische Versorgung ist so schnell als möglich anzustreben.

Ansprechpartner in Berlin:
Rainer Altenkamp: 030/8325283
Wildtierpflegeprojekt NABU Berlin: 030/54712892

Ansprechpartner in Brandenburg:
AQUILA e.V./Station Woblitz: 033089/41204
Staatliche Vogelschutzwarte Buckow: 033878/60257